Den entscheidenden Punkt wiederfinden

Nachdem ich jetzt schon länger laufe – mit wenigen Ausnahmen praktisch jeden Tag – hat sich doch eine Routine eingeschlichen. Das Laufen verlor seinen Reiz. Ich hatte es mit zunehmendem Widerstand zu tun aus der Wohnung zu gehen und die paar Kilometer zu absolvieren. Ich hatte das Gefühl: Es passiert da doch nichts Neues. Ich kenne es angeblich schon, nach so vielen hunderten, wenn nicht schon tausenden Läufen.

Heute war der Widerstand besonders groß, nachdem es draußen regnet mit Temperaturen knapp über Null. Es ist sehr unwirtlich und wenig einladend. Klar, daß nichts direkt danach schreit, da jetzt unbedingt rauszuwollen. Aber die Routine hat hier dann natürlich ihren Vorteil, daß diese Gedanken nur als vorübergehendes Theater verstanden werden.

So lief ich heute jedenfalls, und die ersten drei Kilometer fühlten sich ziemlich matt an. Ich versuche die Strecken etwas zu variieren, damit sie auch fürs Auge interessanter sind. Ebenso den Untergrund zu variieren, über Asphalt, Pflaster zu Matsch, Eis, Kies, damit auch da etwas Spiel hineinkommt. Das ist auch nicht falsch, aber all diese Manöver treffen noch nicht den Kern.

Irgendwann fiel mir plötzlich der Groschen, daß meine Wahrnehmung auf das Laufen durch einen Filter verfälscht wurde. Wie schon gesagt: Ich würde es „kennen“. Aber das ist ein Trugschluß. Nur weil etwas oft gemacht wurde, heißt es nicht, es wäre schon alles klar. Ganz im Gegenteil: Dieses „Kennen“ verhindert das klare, unverfälschte Erleben, was immer frisch ist, jeden Schritt als neuen Schritt empfindet, was tatsächlich auch so ist. Denn es ist doch Tatsache: Ich weiß nicht, wie sich der nächste Schritt anfühlt. Wie sich der Körper anfühlt dabei. Welche Gefühle und Empfindungen ich dabei habe. Das ist alles unverbraucht, ohne Bezug auf das, was mal vielleicht war oder wie oft ich etwas schon getan habe.

So bin ich gerade dankbar, diesen entscheidenden Punkt der Wahrnehmung wiedergefunden zu haben. Ansonsten wäre das Laufen wirklich nur ein toter Mechanismus, den ich meinem Körper abverlange, der aber sonst keinerlei Bezug zu mir als Mensch, meinem Innenleben und Fühlen hat. Und das ist schlichtweg unwahr.

Die Art wie einer läuft ist ein idealer Spiegel, der zeigt inwieweit dazu noch eine Verbindung besteht. Wo dein Laufen nur Routine ist, ist auch dein Leben nur Routine, ein immergleicher Ablauf derselben Gedanken, Handlungen, Verhaltensweisen. Wo du aber im Laufen merkst, daß das starre Muster sind, kannst du sie in der Bewegung abschütteln. Und dich damit befreien und wieder in den Moment zurückfinden, der nie Routine ist, sondern wie schon beschrieben neu. Aber das kann nur jeder für sich herausfinden.